Die Gestalt des Wilden Mannes begegnet einem gelegentlich auf Wirtshausschildern. Seit 1588 erscheinen zwei dieser Waldmänner als Halter des Waldkircher Stadtwappens. Der zu jener Zeit sehr auf sein Ansehen bedachte Stadtrat hielt sich bei der Wahl des Wappens nicht an das damals allgemein gültige heraldische Gesetz, wonach Schildhalter vom Kaiser verliehen wurden, sondern an das Beispiel anderer Städte, die bei der Herstellung von Wappenscheiben aus eigener Machtvollkommenheit einen oder zwei Schildhalter wählten. Waldmenschen zu verwenden schien sich für Waldkirch nach seinem Namen und seiner Lage als naheliegende Lösung zu empfehlen. Im neuen Stadtrecht wurde das Stadtwappen, einer Wappenscheibe ähnlich, mit erläuternden lateinischen Versen in Temperamalerei auf das erste Blatt gesetzt, einer der wilden rot, der andere blau, wie das bei heraldischen Darstellungen üblich ist. Wilde Männer waren aber ursprünglich keine heraldischen Schmuckstücke. Sie zählten zu den verbreitetsten Fasnachtsgestalten. Als Entstehungszeit wird das ausgehende 14. und 15. Jahrhundert genannt. Indessen spricht ihre Erscheinung dafür, dass sie jener germanischen Vorstellung entstammen, welcher der Wald doppelwertig war, Heiligtum und zugleich Ausbund alles Fürchterlichen. Dieser Anschauung entspricht der Glaube von der Wegefahrt der Toten, die dem strengen Hüter des Waldes, dem wilden Mann, begegnen. Selbst kein Dämon, wehrt er die Dämonen ab und übt einen Fruchtbarkeitszauber aus. Seine Kleidung bestand aus Flechten, dem sog. Tannenbart, der in den hochgelegenen Bergwäldern vorkommt. In der Meraner Gegend trägt er als Schmuck Ketten aus Schneckenhäusern. Dass die Maskerade auch an Fürstenhöfen Eingang fand und welch tragischer Ausgang einer solchen folgen konnte, bezeugt ein Vorfall am franz. Königshof. Bei einer Hochzeit am 28. Januar 1393 traten sechs Wilde Männer auf, die ganz in Werch gekleidet waren. Mit oder ohne Absicht kam ihnen ein Fackelträger zu nahe und im Nu standen sie alle in Flammen. Einen von ihnen deckte der rasch auf ihn geworfene Mantel der Herzogin von Berry, die anderen verbrannten bei lebendigem Leib. König Karl VI., dem Geretteten, kann möglicherweise der Überfall gegolten haben. Der Feuergefährlichkeit wegen verbot Kaiser Josef II. mit Mandat vom 5. Jänner 1781 feuerfangende Kleidungsstücke aus Stroh, Werch oder Flachs, ölgetränktem Papier und mit Pech überzogene, auch übrige ekelhafte und grausige Verkleidungen und Larven. Mitunter hüllten sich die Wilden Männer auch in Tierfelle. Größerer Einfachheit und der Sicherheit wegen wurde ein Ausweg gefunden, indem statt Werch und Fell Stoffläppchen auf das Gewand aufgenäht wurden. Oft recht bunt in den Farben Rot, Blau und Gelb, verloren die Wilden Männer ihr naturalistisches Aussehen, waren dadurch mehr dem heraldischen Brauch angeglichen und wurden vielerorts durch das allmähliche Vordringen der höfischen und der Stadtfasnacht zuückgedrängt. Ihr mitunter zerlumptes Aussehen und nicht zuletzt der Umstand, dass diese Art der Maskerade auf ihrem Rückzug in den Bereich der unteren Volksmassen abwanderte mag bestimmend dafür gewesen sein, dass sie in vielen Städten schon in der Barockzeit in Abgang kamen und durch andere Gestalten ersetzt wurden. In alter Pracht und Herrlichkeit lebt der Wilde Mann im benachbarten Elzach in der Gestalt des Schuddig weiter. Er trägt, jetzt im Gegensatz zum bunten Gewand von früher, einheitlich leuchtendes Rot, hat den barocken Dreispitzhut umgedreht und schmückt ihn mit Schneckenhäusern. Für erwiesen wird gehalten, dass die einst weitum verbreitete Gestalt des Wilden Mannes auch in Elzach schon früh umging. Dort, in der stillen Abgelegenheit des oberen Elztales, fand sie auf ihrem Rückzug ein Refugium. Nach dem ersten Weltkrieg, als die Staatsgewalt ihn zu vernichten drohte, erwachte er jedoch, aller Unterdrückung zum Trotz, zu neuem Leben und größerer Entfaltung, wie je zuvor. In den letzten Jahren ist der Wilde Mann auch in Waldkirch zu sehen, ganz seiner Ursprungsform nach im Tierfell mit handgeschnitzter Holzlarve.

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